Eine Kurzgeschichte über einen Mann, der sich nichts mehr leisten muss, und genau deshalb nicht mehr weiß, was er eigentlich will. Eine kleine Fiktion über finanzielle Freiheit, verlorene Zugehörigkeit und die Frage, was bleibt, wenn die Notwendigkeit verschwindet.

Das Wasser hatte genau die richtige Temperatur, nicht kühl genug, um wach zu machen, nicht warm genug, um träge zu werden. Markus trieb auf dem Rücken, Arme leicht ausgestellt, und ließ sich von der Poolpumpe in einer langsamen Spirale durch das Becken ziehen. In seinen Ohren lag ein tiefes, wogendes Dröhnen, irgendein Track, den der Algorithmus ihm vorgeschlagen hatte, Drones und ferne Glocken, nichts, das man eine Melodie nennen konnte. Dark Ambient. Genau richtig für Tage wie diesen, an denen die Luft über dem Garten flimmerte und nichts sich bewegen wollte außer ihm selbst, ganz langsam, im Kreis.

Über ihm spannte sich der Himmel in diesem ausgebleichten Sommerblau, das erst gegen Abend wieder Farbe bekommen würde. Er dachte an das Teleskop, das er sich seit Wochen ansah, ein elektrisches Modell mit automatischer Nachführung, teuer genug, dass er bei der dritten Preisrecherche kurz gezögert hatte, nicht aus Sorge ums Geld, sondern aus einer Art reflexhafter Bescheidenheit, die er sich seit Jahren nicht abtrainieren konnte. Heute Nacht, dachte er, wenn es dunkel genug ist. Vielleicht der Ringnebel. Oder einfach nur hinaufschauen und sich klarmachen, wie klein dieser Pool, dieser Garten, dieses ganze gepflegte Grundstück eigentlich war, verglichen mit dem, was da oben hing.

Er sollte dankbar sein. Das dachte er fast jeden Tag, meistens genau dann, wenn etwas in ihm unruhig wurde. Zwölf Millionen, gut angelegt, ein Haus, das niemand ihm wegnehmen konnte, keine Schulden, keine Verpflichtungen, keine Menschen, die etwas von ihm wollten, das er nicht freiwillig geben würde. Die meisten Menschen würden für ein Zehntel davon ihre Seele verkaufen. Und er trieb hier, im eigenen Pool, mit Dark Ambient in den Ohren, und fühlte sich, was eigentlich. Nicht unglücklich. Eher wie jemand, der einen Motor abgestellt hat, dessen Brummen er erst nach dem Verstummen richtig bemerkt.

Drei Monate war es jetzt her.


Fünfundzwanzig Jahre hatte er bei Reintmayer Logistik gearbeitet. Wer den Namen heute googelte, fand eine Aktiengesellschaft mit internationalem Vorstand und einer Pressemitteilung über „strategische Synergien nach der Übernahme durch die Heller-Gruppe“. Wer ihn vor sechs Jahren gegoogelt hätte, hätte ein mittelständisches Familienunternehmen gefunden, das Speditionen und Lagerlogistik für halb Mitteleuropa organisierte, mit einem Geschäftsführer, der noch jeden Mitarbeiter beim Vornamen kannte, und einer IT-Abteilung, die im Wesentlichen aus Markus und drei jüngeren Kollegen bestand.

Er hatte praktisch alles gebaut, was unter der Motorhaube lief. Die Serverinfrastruktur, die Auftragsverwaltung, die Kundenportale, später die mobilen Anwendungen für die Fahrer. Niemand hatte ihm das aufgetragen wie ein Lastenheft, er hatte gesehen, was fehlte, und es gebaut, eins nach dem anderen, über Jahre. Wenn ein Kunde anrief, weil etwas klemmte, fragten die Sachbearbeiter nicht „ist die IT da“, sie fragten „ist der Markus da“. Er hatte nie etwas dagegen gehabt. Im Gegenteil, er mochte das Gefühl, gebraucht zu werden, und er mochte die Leute, die anriefen, weil sie ihn kannten, nicht weil ein Ticket-System ihnen seine Nummer zugewiesen hatte.

Vor Jahren, als der zuständige Ausbilder das Unternehmen verließ, war die Frage nach den Lehrlingen plötzlich offen im Raum gestanden, und irgendwie war sie bei ihm gelandet. Er hatte sich nie danach gedrängt, Verantwortung für junge Menschen zu übernehmen, aber als ihn der Geschäftsführer fragte, ob er es nicht versuchen wolle, hatte er nicht nein gesagt. Er hatte sich für die Eignungsprüfung der Kammer angemeldet, hatte Pädagogik und Ausbildungsrecht gelernt, Dinge, die mit Code nichts zu tun hatten, und hatte die Prüfung mit einer Zwei plus bestanden, weil die Firma jemanden brauchte und er der war, dem man zutraute, es richtig zu machen. Genauso war er später zum Leiter der IT geworden, nicht weil er es wollte, sondern weil es niemand besser gemacht hätte und weil er der Firma, die ihm fünfzehn Jahre lang vertraut hatte, diesen einen Gefallen nicht verweigern wollte.

Er hatte nie seinen Namen irgendwo hingeschrieben. Kein Kommentar im Code, kein „entwickelt von“, keine Signatur. Er war Teil der Firma gewesen, nicht ihr Star.

Dann kaufte die Heller-Gruppe Reintmayer Logistik, und binnen achtzehn Monaten waren achtzig Prozent der alten Führungsebene ausgetauscht.


Die neuen Chefs kannten ihn nicht. Für sie war er ein Senior Developer mit langer Betriebszugehörigkeit, ein Posten in einer Organigramm-Zelle, kein Mensch mit Geschichte. Es gab jetzt Solution Architects, die von einer Beratungsfirma kamen und Diagramme zeichneten, und Markus‘ Aufgabe war es, umzusetzen, was sie sich ausgedacht hatten. Niemand fragte ihn mehr, ob die Architektur zur bestehenden Infrastruktur passte. Er hatte es trotzdem gesagt, einmal, zweimal, in Meetings, in E-Mails, höflich, sachlich, mit Verweis auf Systeme, die er selbst gebaut hatte und die diese neuen Schnittstellen schlicht nicht so verarbeiten konnten, wie sich das die Beratung vorstellte. Man hatte ihm zugehört wie einem Mitarbeiter, der eben seine Meinung sagt, nicht wie jemandem, der das Haus von Grund auf kannte.

Dann ging das Projekt gegen die Wand. Genau dort, wo er gewarnt hatte. Es passierte noch einmal, in einer anderen Abteilung, mit demselben Muster: zwei Workflows, die jemand ohne Rücksicht auf die historisch gewachsene Realität zusammengezwungen hatte.

Niemand entschuldigte sich. Niemand fragte ihn hinterher, was er beim nächsten Mal anders machen würde. Man räumte auf und machte weiter, mit ihm als einem von vielen Entwicklern, dessen Zugänge zur zentralen Infrastruktur man inzwischen, aus Compliance-Gründen, ohnehin eingeschränkt hatte.

Er hatte ausgerechnet, dass er nicht mehr arbeiten musste, seit er vierzig war. Mit achtundvierzig saß er noch immer in Meetings, in denen junge Berater Folien zeigten, die er sich vor zehn Jahren selbst hätte ausdenken können, nur eben richtig. Eines Abends, nach einem dieser Meetings, hatte er im Auto gesessen, den Motor nicht gestartet, und sich gefragt, wofür er das eigentlich noch tat.

Drei Tage später hatte er gekündigt. Ohne Drama, ohne große Aussprache. Ein Gespräch mit der Personalabteilung, eine Abwicklungsfrist, ein letzter Tag, an dem niemand eine Karte unterschrieben hatte, weil offenbar niemand mehr wusste, dass es früher üblich gewesen wäre.


Der Track in seinen Ohren war zu Ende, ein neuer setzte ein, noch tiefer, fast unterhalb der Hörschwelle. Markus öffnete die Augen und sah in den Himmel, der jetzt, am späten Nachmittag, einen Hauch Gold annahm.

In der Schublade seines Arbeitszimmers lag ein Konzept, gut vierzig Seiten, halb fertig: eine moderne Praxisverwaltungssoftware für niedergelassene Ärzte, ausgearbeitet bis ins Detail der Datenbankstruktur, mit Notizen am Rand zu MDR-Klassifizierung und DSGVO-Anforderungen, die er sich in den letzten Wochen mühsam angelesen hatte. Er hatte in drei Ordinationen gesessen, wegen Vorsorgeuntersuchungen, nichts Dramatisches, und hatte den Bildschirmen der Sprechstundenhilfen über die Schulter geschaut.

Software, die aussah, als hätte sie die Jahrtausendwende nicht überlebt, zu Wartungspreisen, von denen ihm fast die Kinnlade herunterfiel. Es würde ihn reizen, das besser zu machen. Es würde auch bedeuten, sich durch ein Dickicht aus Zertifizierungsauflagen zu kämpfen, das ihn an manchen Abenden schon beim Lesen ermüdete. Und es würde bedeuten, sichtbar zu werden, ein Name auf einem Impressum, ein Gesicht hinter einem Produkt. Er war sich nicht sicher, ob er das wollte.

Manchmal, an Abenden wie diesem, dachte er auch an etwas ganz anderes: ein kleines Boot, irgendwo im Mittelmeer vor Anker, er selbst mit braungebrannten Armen am Ruder, die Welt an sich vorbeiziehend. Er wusste, dass das eine Phantasie war und keine Absicht. Er hatte einmal versucht, sich ernsthaft vorzustellen, wie das wäre, drei Wochen allein auf See, kein Techniker in Reichweite, falls etwas kaputtging, kein Arzt, falls er stürzte, niemand, der überhaupt wüsste, wo er war. Schon bei dem Gedanken hatte sich etwas in seiner Brust zusammengezogen. Er war kein Abenteurer. Er war ein Mann, der am liebsten in einem klimatisierten Raum saß, einen Eistee neben der Tastatur, und sich kümmerte, bis ein Problem gelöst war. Das Boot würde ein Traum bleiben, dem er gern nachhing, so wie andere sich Lottozahlen ausmalten, die sie nie spielten.

Was blieb, war eine dritte Möglichkeit, leiser als die anderen beiden, aber hartnäckiger: dass er sich eine neue Stelle suchte. Nicht bei einem Konzern, nicht bei jemandem, der gerade aufgekauft worden war oder es bald würde. Bei einem mittelständischen Betrieb, in dem man sich noch kannte, in dem ein Handschlag noch etwas bedeutete, in dem Probleme gemeinsam gelöst wurden, nicht über drei Hierarchieebenen hinweg delegiert. Er wusste nicht, ob es das noch gab. Er wusste nur, dass er es vermisste, mehr als das Geld, mehr als den Titel, mehr sogar als die eigentliche Arbeit.


Die Sonne stand jetzt tief genug, dass die ersten Schatten der Bäume über das Wasser fielen. Markus drehte sich im Pool, ließ sich an den Rand treiben und stützte die Arme auf die warmen Fliesen. Irgendwo im Haus piepte sein Handy, eine Nachricht, wahrscheinlich Werbung, vielleicht eine Erinnerung an etwas, das ohnehin keine Eile hatte.

Er dachte nicht weiter über die Schublade nach, nicht über das Boot, nicht über die Stellenanzeigen, die er sich neulich nachts angesehen und wieder geschlossen hatte. Heute war es zu heiß für Entscheidungen. Heute war Pool-Tag, Dark-Ambient-Tag, später vielleicht Grill-Tag, und wenn es dunkel genug wurde, ein Tag, an dem er das Teleskop endlich aufbauen und nachsehen würde, ob der Ringnebel heute Nacht zu sehen war.

Die Galaxien, dachte er, hatten es leichter als er. Sie drifteten einfach, Millionen Jahre lang, ohne sich zu fragen, ob sie dankbar genug für ihre Schwerelosigkeit waren.

Er schloss die Augen wieder und ließ sich von der Strömung weitertragen.