Manchmal startet ein Gespräch an einer Stelle, an der man selbst merkt: Das ist eigentlich nur der Zündfunke. Der eigentliche Brandherd liegt tiefer. Bei mir war es so. Ich bin über eine Beobachtung in den USA gestolpert, über Spannungen zwischen Gruppen, über dieses dauernde Gegeneinander, diese Aufladung, dieses “ihr gegen uns”. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir: Das Thema ist nicht Amerika. Das Thema ist, wie Gesellschaften kippen, wenn sie die gemeinsame Grundlage verlieren.

Ich will das gleich vorweg sagen: Ich habe keine Lust auf moralisches Theater. Ich halte auch nichts davon, ganze Gruppen pauschal zu bewerten. Menschen sind Menschen. Aber ich finde es legitim, zu fragen, warum bestimmte Konflikte so dauerhaft eskalieren und warum sie sich so festfressen. Gerade in den USA wirkt es oft so, als wäre die Vergangenheit nie vorbei. Als ob alles, wirklich alles, immer wieder auf “Rasse” zurückgeführt wird. Und je mehr man das tut, desto mehr baut man genau diese Trennlinien, die man angeblich überwinden will.

Irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich mir dachte: Okay. Es gab historisch überall Sklaverei. Es gab in jeder Epoche Unterdrückung. Es gibt keine Hautfarbe, keine Ethnie, die nicht irgendwann Opfer oder Täter war. Wenn wir anfangen, das alles rückwärts aufzurechnen, endet das nie. Dann stehen wir irgendwann da und diskutieren nicht mehr darüber, wie wir heute besser zusammenleben, sondern wer vor 200 Jahren wem was schuldet. Das ist für mich eine Sackgasse.

Und genau da liegt der Kern, der mich wirklich beschäftigt: Für mich ist entscheidend, dass Menschen heute faire Chancen haben. Nicht, dass man ewig an Etiketten hängt. Nicht, dass man jede Debatte mit Identität auflädt. Sondern: gleiche Regeln, gleiche Maßstäbe, leistungsgerechte Beurteilung. Ich halte die Rassenkarte für fehl am Platz, wenn sie dazu führt, dass Realität und Fakten keine Rolle mehr spielen dürfen.

Was mich dabei nervt, ist weniger die Existenz von Ungerechtigkeit. Das Leben ist nicht fair, das war es nie und wird es nie sein. Was mich nervt, ist, wenn man aus diesem Fakt ein politisches Dauerinstrument macht. Wenn man mit Opferrollen arbeitet, statt Probleme an der Wurzel zu lösen. Wenn man Menschen beibringt, sich als Kollektiv über Verletzungen zu definieren, statt über Verantwortung und Gestaltung.

Und an der Stelle schaue ich ehrlich gesagt nach Deutschland und denke: Wir stehen besser da als die USA. Nicht perfekt. Aber besser. Allein, weil Bildung und Ausbildung bei uns viel weniger direkt vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Das ist ein riesiger Vorteil. Wenn ein Land ein Fundament hat, dann ist es Bildung. Und wenn Bildung nicht nur für die Wohlhabenden da ist, dann hat eine Gesellschaft deutlich mehr Stabilität.

Trotzdem sehe ich auch hier eine gefährliche Entwicklung: Wir übernehmen zunehmend Muster aus den USA. Mehr Moral, weniger Pragmatismus. Mehr Symbolpolitik, weniger Problemlösung. Und eine Diskussionskultur, in der Nuancen sterben. Wer konservativer denkt, ist schnell “rechts”. Und rechts ist dann gleich Nazi. So kann man kein Land führen. So kann man nicht mal ein normales Gespräch führen. Das zerstört Individualität, Meinungsfreiheit und Fortschritt. Vor allem zerstört es das, was man braucht, um Regeln und Gesetze gemeinsam zu tragen: eine geteilte Realität.

Für mich ist ganz simpel: Das Gefühl darf nicht über den Fakten stehen. Wenn das passiert, finden wir keine gemeinsame Schnittmenge mehr. Dann wird alles weich, beliebig und am Ende chaotisch. Und dann kommen die echten Probleme. Nicht die Debatten, die sich gut anfühlen. Sondern die, die weh tun: Sicherheit, Integration, Kriminalität, soziale Spannungen.

Migration ist für mich dabei ein Thema, das man nicht moralisch wegmoderieren kann. Es muss Regeln geben. Prozesse. Und es braucht den Willen der Migranten, die Kultur des Landes anzunehmen und die Gesetze zu respektieren. Integration ist keine Einbahnstraße. Wenn man das nicht einfordert, entstehen Parallelgesellschaften. Und Parallelgesellschaften sind Gift, weil sie das “Wir” zerfressen. Ich sehe nicht ein, warum die Leute, die täglich arbeiten, Steuern zahlen und das System am Laufen halten, die Last tragen sollen, während Politik sich im eigenen Moralkosmos einrichtet.

Und dann kommt der Moment, den ich fast schon als historischen Mechanismus sehe: Solange es der breiten Masse gut genug geht, schlucken viele vieles. Wenn die Wirtschaft läuft, verzeiht man der Politik sogar Inkompetenz. Aber sobald es beim kleinen Bürger ankommt, sobald Mieten steigen, Energie teuer wird, Jobs unsicher werden, dann schauen die Leute nach oben und fragen: Was ist da los. Warum wird das nicht gelöst. Warum kümmern sich die da oben nicht um das, wofür sie eigentlich da sind.

Politik sollte nicht über die Leute herrschen. Politik sollte mit den Leuten herrschen. Es sollte ein Wir sein. Und der Staat sollte kein Erzieher sein, sondern ein Dienstleister, der die Rahmenbedingungen schafft: Sicherheit, Infrastruktur, Bildung, klare Regeln. Damit Menschen ihre Arbeit machen und ihr Leben gestalten können.

Ein Punkt, den ich dabei für zentral halte, ist Kompetenz. Ich finde, wichtige Fachposten sollten von Leuten besetzt werden, die Ahnung haben. Ein Finanzminister sollte Ökonomie und BWL verstehen und Berufserfahrung haben. Ein Verkehrsminister sollte wissen, wie Infrastruktur funktioniert. Ich verstehe nicht, warum das in normalen Jobs selbstverständlich ist, aber in der Politik plötzlich als “elitär” gilt. Ein Staat ist das wichtigste Unternehmen eines Landes. Warum sollten dort geringere Qualitätsstandards gelten.

Und da bin ich bei meiner eigentlichen Lieblingsidee, weil sie vieles lösen könnte: direkte Demokratie, aber modern, pragmatisch und strukturiert.

Ich stelle mir das so vor: Wenn es ein kontroverses Thema gibt, macht man abends eine sachliche Infosendung. Alle relevanten Seiten stellen Pro und Kontra vor. Zahlen, Folgen, Optionen. Kein Geschrei, keine Moralkeulen. Danach wird abgestimmt. Fertig. Wenn die Mehrheit ja sagt, tragen wir es. Wenn die Mehrheit nein sagt, ist es erledigt. Das wäre für mich der sauberste Weg, den “Wind des Volkes” zu nutzen, statt ihn zu fürchten.

Ein Beispiel, das mir hängen blieb: Gendern. Jahrelang hatte man den Eindruck, das wollen fast alle. Dann kam eine Umfrage, und plötzlich war klar: Die Mehrheit lehnt es ab. Gut. Dann ist es demokratisch geklärt. Keine ewigen Grabenkämpfe, kein Herumhühnern, kein künstliches “wir müssen die Menschen mitnehmen”. Man hat sie gefragt. Ende.

Und das müsste man auf die Themen anwenden, die wirklich spalten und die wirklich Geld, Sicherheit und Zukunft betreffen: Migration, Ukraineunterstützung, Abschiebungen. Gerade bei solchen Fragen sehe ich oft das Gefühl, dass Politik nicht nach Mehrheitswillen agiert, sondern nach moralischem Druck, medialer Stimmung oder Angst, falsch gelabelt zu werden. Eine Abstimmung würde das beenden. Nicht, weil dann alle glücklich sind, sondern weil dann Klarheit da ist. Und Klarheit ist der Anfang von Frieden.

Mir ist auch klar: Die Schreihälse werden immer schreien. Die wird man nie ganz los. Aber wenn sie weniger Einfluss haben, weil Entscheidungen demokratisch sauber getroffen werden, dann sind sie eben nur noch das, was sie sind: laut, aber nicht mächtig.

Ich glaube sogar, dass der beste Startpunkt dafür die Kommunalpolitik wäre. Da geht es um reale Dinge: Soll am Stadtrand ein Einkaufszentrum gebaut werden. Brücke modernisieren oder abreißen. Autobahnanschluss ja oder nein. Das betrifft Menschen direkt. Und wenn man sie mit einbezieht, steigt die Akzeptanz. Und nebenbei würde man etwas zurückholen, was vielen fehlt: das Gefühl, dass man nicht nur Zahler ist, sondern Mitgestalter.

Was die Parteien angeht, bin ich ehrlich: Ich traue den etablierten Kräften aktuell wenig zu. Ich sehe zu viel Stillstand, zu viel Eigeninteresse, zu viel Selbstdarstellung. Und ich verstehe, warum viele dann bei Außenseitern landen. Ich habe selbst darüber nachgedacht, ob man nicht mal konsequenter hinschauen müsste, auch bei denen, die gerade als “die Bösen” markiert werden. Nicht, weil ich blind irgendwem vertraue, sondern weil ich mir ein eigenes Bild machen will.

Und da bin ich wieder beim Pragmatismus: Infoveranstaltungen sind Werbespots. Ich würde am liebsten Politiker aller Parteien bei der täglichen Arbeit beobachten. In Ausschüssen. Bei echten Dossiers. Bei Entscheidungen, die nicht für die Kamera sind. Da sieht man sehr schnell, wer das Thema durchdrungen hat und wer nur Phrasen verteilt. Das wäre für mich die ehrlichste Form der politischen “Due Diligence”.

Am Ende ist mein Wunsch simpel: weniger Ideologie, mehr Handwerk. Weniger moralische Inszenierung, mehr Ergebnis. Weniger Spaltung über Identität, mehr Zusammenhalt über Regeln, Leistung und Fairness.

Ich will kein Land, in dem ständig die Vergangenheit als Waffe genutzt wird. Ich will ein Land, das heute funktioniert. Und ich glaube, das geht, wenn wir den Wind der Menschen nicht als Gefahr sehen, sondern als Energie. Man muss nur endlich aufhören, so zu tun, als wären Bürger zu dumm für Entscheidungen. Man muss ihnen Fakten geben, sie abstimmen lassen und dann konsequent umsetzen.

Das wäre für mich Demokratie, die ihren Namen verdient.

Ich denke auch das die Energie zur Schuldaufrechnung aus der Vergangenheit auch besser angelegt ist zur Verbesserung der Zukunft alle Individuen. Wenn Energie dauerhaft in Schuldaufrechnung fließt, passiert oft Folgendes: Man stabilisiert Identitäten rund um Verletzung, Täter-Opfer-Zuordnung und moralische Überlegenheit. Das bindet Aufmerksamkeit, Emotion und politische Kraft… aber es erzeugt selten konkrete Verbesserung im Alltag der Menschen.

Der produktivere Ansatz wäre tatsächlich: Nicht fragen, wer wem historisch etwas schuldet, sondern welche Rahmenbedingungen heute fehlen, damit Individuen ihr Potenzial entfalten können.